
Kalorien beim Pferd: Warum viele Pferde zu viel Energie bekommen und warum du es oft nicht merkst
Viele Pferde werden nicht falsch, sondern zu gut gemeint gefüttert. Der Artikel erklärt, warum Energieüberschüsse im Stallalltag schleichend entstehen, wie du den tatsächlichen Bedarf besser einschätzt und weshalb das besonders für atemwegskranke Pferde relevant ist.
🐴 Kalorien beim Pferd
Du gibst dir Mühe. Du fütterst bewusst. Du achtest auf dein Pferd.
Und trotzdem wird es runder.
Nicht plötzlich. Sondern schleichend. Über Wochen. Über Monate. Manchmal über Jahre.
Am Anfang fällt es kaum auf. Ein bisschen mehr Hals. Etwas weniger Rippen zu fühlen. „Ist halt gut im Futter“, sagt man.
Und dann kommt der Moment, wo du merkst:
👉 Irgendwas stimmt nicht mehr.
🔍 Der eigentliche Auslöser ist selten das, was du denkst
Die meisten suchen nach einer klaren Ursache.
- zu viel Heu
- zu wenig Bewegung
- das falsche Kraftfutter
Aber in der Praxis ist es selten so einfach.
Denn Übergewicht entsteht beim Pferd fast nie durch eine falsche Entscheidung.
👉 Sondern durch viele richtige.
- 🍎 ein Apfel hier
- 🥣 ein bisschen Mash nach dem Reiten
- 🍬 ein paar Leckerlis zwischendurch
- 🌾 Heucobs, weil das Pferd „etwas braucht“
- 🧂 ein Mineralfutter
- ➕ vielleicht noch ein Zusatz fürs Fell oder die Verdauung
Nichts davon ist per se falsch.
👉 Aber alles zusammen verändert die Energiebilanz.
Und genau das sieht man nicht sofort.
📊 Gibt es eine Kalorientabelle für Pferde?
Viele wünschen sich eine klare Orientierung:
👉 Wie viel darf mein Pferd bekommen?
Doch genau diese Sicherheit gibt es nicht.
Der Energiegehalt von Futtermitteln ist keine feste Größe. Er schwankt teilweise erheblich, zum Beispiel durch:
- 🌾 Schnittzeitpunkt
- 🌿 Pflanzenbestand
- 🌦️ Witterung
- 🔥 Trocknung oder Gärung
- 📦 Lagerung
Ein frühes Heu kann deutlich energiereicher sein als ein spätes. Heulage kann je nach Trockenmasse stark variieren. Selbst innerhalb eines Ballens sind Unterschiede möglich.
👉 Tabellen geben dir eine Richtung. 👉 Aber sie ersetzen keine echte Einschätzung.
⚖️ Wie viel Energie braucht dein Pferd wirklich?
Der Energiebedarf wird in Megajoule pro Tag angegeben und hängt nicht einfach vom Gewicht ab, sondern vom sogenannten metabolischen Körpergewicht.
Er setzt sich zusammen aus:
- ➖ Erhaltungsbedarf
- ➕ zusätzlichem Bedarf durch Arbeit
📊 Täglicher Energiebedarf eines Pferdes
Die folgenden Werte sind praxisnahe Orientierungswerte für die umsetzbare Energie (MJ ME/Tag) und beziehen sich auf durchschnittliche Freizeit- und Reitpferde.
Je nach Typ, Training, Haltungsbedingungen und Futterverwertung kann der tatsächliche Bedarf abweichen.
| Gewicht | Erhaltung | Leichte Arbeit | Mittlere Arbeit | Schwere Arbeit | | ------- | --------- | -------------- | --------------- | -------------- | | 300 kg | 36 MJ | 43 MJ | 50 MJ | 58 MJ | | 400 kg | 45 MJ | 54 MJ | 63 MJ | 72 MJ | | 500 kg | 53 MJ | 63 MJ | 74 MJ | 85 MJ | | 600 kg | 61 MJ | 73 MJ | 85 MJ | 97 MJ | | 700 kg | 68 MJ | 82 MJ | 95 MJ | 109 MJ |
Die angegebenen Werte dienen der Orientierung und können je nach Haltung, Futterqualität, Trainingszustand und Gesundheitsstatus variieren.
Die Werte orientieren sich an gängigen Empfehlungen wie zum Beispiel GfE und DLG und wurden für die Praxis vereinfacht dargestellt.
Der Energiebedarf steigt nicht linear mit dem Körpergewicht, sondern orientiert sich am metabolischen Körpergewicht. Das bedeutet:
👉 Ein schwereres Pferd braucht relativ gesehen weniger Energie pro Kilogramm Körpergewicht als ein leichteres.
Was viele überrascht:
Der Unterschied zwischen Erhaltung und leichter Arbeit ist oft deutlich kleiner als erwartet.
Und genau hier beginnt das Missverständnis.
🔬 Was bedeutet Erhaltungsaufwand wirklich?
Der Erhaltungsaufwand ist die Energie, die dein Pferd jeden Tag braucht, ganz unabhängig davon, ob du es reitest oder nicht.
Diese Energie wird benötigt für:
- ❤️ Atmung
- 🔄 Kreislauf
- 🌱 Verdauung
- 🌡️ Temperaturregulation
- ⚙️ Stoffwechsel
👉 Dein Pferd verbraucht also auch ohne Training bereits Energie.
🏇 Was bedeutet „Arbeit“ beim Pferd wirklich?
Arbeit beschreibt nicht, ob ein Pferd geritten wird, sondern wie hoch die tatsächliche körperliche Belastung ist.
👉 Entscheidend sind:
- Dauer der Belastung
- Intensität wie Schritt oder Trab und Galopp
- Muskelarbeit
- Atemfrequenz
- Schweißbildung
🔹 Leichte Arbeit
Typisch für die meisten Freizeitpferde.
👉 Merkmale:
- 3 bis 5 Mal pro Woche Bewegung
- viele Schrittphasen
- kurze Trab- oder Galoppintervalle
- kaum Schweißbildung
👉 Beispiele:
- entspannte Ausritte
- lockeres Reiten auf dem Platz
- leichte Bodenarbeit
➡️ Belastung für den Stoffwechsel: gering
🔹 Mittlere Arbeit
Wird häufig überschätzt.
👉 Merkmale:
- regelmäßiges, strukturiertes Training
- längere Trab- und Galoppphasen
- gezielte Gymnastizierung
- deutliche, aber nicht extreme Schweißbildung
👉 Beispiele:
- Dressurarbeit mit Anspruch
- intensiveres Geländetraining
- längere Trainingseinheiten mit aktiver Arbeit
➡️ Belastung für den Stoffwechsel: moderat
🔹 Schwere Arbeit
Im Freizeitbereich selten.
👉 Merkmale:
- hohe Intensität über längere Zeit
- starke Muskelbeanspruchung
- deutliche Schweißbildung
- hohe Atemfrequenz
👉 Beispiele:
- Turniersport auf höherem Niveau
- intensives Intervalltraining
- Vielseitigkeit oder Renntraining
➡️ Belastung für den Stoffwechsel: hoch
⚠️ Der größte Denkfehler im Alltag
👉 „Mein Pferd wird regelmäßig geritten“
ist nicht automatisch gleich:
👉 „Mein Pferd hat mittlere oder schwere Arbeit“
Die Realität:
- viele Pferde werden 30 bis 45 Minuten bewegt
- stehen den Rest des Tages
- haben viele Schrittanteile
👉 Das entspricht häufig nur leichter Arbeit oder sogar Erhaltungsbedarf.
🫁 Besonders wichtig bei atemwegskranken Pferden
Gerade hier verschiebt sich die Einordnung oft nach unten:
- frühere Ermüdung
- reduzierte Trainingsintensität
- vorsichtiger Aufbau
➡️ tatsächliche Belastung ist häufig:
👉 eine Stufe niedriger als gedacht
Nicht die Dauer des Reitens entscheidet, sondern die tatsächliche Intensität der Belastung. Und genau hier liegt einer der größten Fehler in der Fütterung.
⚠️ Freizeitpferde: Der größte Denkfehler
Viele denken:
👉 „Mein Pferd wird geritten, also braucht es mehr Energie.“
In der Praxis ist das oft nicht der Fall.
Die meisten Freizeitpferde sind energetisch mit dem Erhaltungsbedarf oder leicht darüber bereits ausreichend versorgt, auch wenn sie regelmäßig geritten werden.
❗ Das Problem entsteht nicht durch die Arbeit.
👉 Sondern durch das, was zusätzlich gefüttert wird.
📦 Wie viel Energie steckt im Futter wirklich?
🌾 Raufutter pro Kilogramm
- Heu: 7 bis 10 MJ/kg
- Heulage: 6,5 bis 9 MJ/kg
- Stroh: 3 bis 5 MJ/kg
🌾 Kraftfutter pro Kilogramm
- Hafer: 11 bis 13,5 MJ/kg
- Gerste: 12 bis 14 MJ/kg
- Heucobs: 8 bis 10 MJ/kg
- Mash: 8 bis 12 MJ/kg
- Pellets: 8 bis 12 MJ/kg
🍎 „Nebenbei“ pro 100 Gramm
- Karotte: 0,17 MJ
- Apfel: 0,22 MJ
- Banane: 0,38 bis 0,45 MJ
- Trockenes Brot: 1,2 MJ
- Leckerlis: 1,5 bis 2,5 MJ
👉 Diese Zahlen wirken klein. Aber sie sind es nicht.
Denn sie passieren:
- 📅 täglich
- 🔁 oft mehrfach
🧠 Wichtiger Hinweis zur Einordnung
Die angegebenen Energiegehalte sind Durchschnittswerte. Die tatsächliche Energie eines Futters kann je nach Erntezeitpunkt, Qualität, Verarbeitung und Zusammensetzung deutlich variieren.
🌿 Ein Punkt, der oft übersehen wird
Heulage wird häufig als energieärmer eingeschätzt als Heu. Das stimmt so nur bedingt.
Durch ihren höheren Wassergehalt enthält Heulage zwar weniger Energie pro Kilogramm Frischmasse, bezogen auf die Trockenmasse kann sie jedoch vergleichbare Energiegehalte wie Heu erreichen.
🎯 Kernaussage
Nicht nur die Art des Futters entscheidet, sondern Menge, Qualität und tatsächlicher Energiegehalt im Gesamtsystem.
🧩 Typischer Stallalltag: So entsteht Energieüberschuss
- 🍎 morgens ein Apfel
- 🍬 beim Putzen ein Leckerli
- 🥣 nach dem Reiten ein bisschen Mash
- 🌾 Heucobs „zur Unterstützung“
- ➕ vielleicht noch ein Zusatzfutter
Jede einzelne Entscheidung ist nachvollziehbar.
👉 Und genau deshalb so gefährlich.
Denn dein Pferd merkt nicht, warum es Energie bekommt.
👉 Es summiert einfach.
Und irgendwann passt das System nicht mehr.
👀 Warum du das lange nicht bemerkst
Das Pferd wirkt zufrieden. Es frisst gut. Es hat Energie.
❗ Es gibt kein klares Warnsignal.
Nur eine langsame Veränderung.
👉 Und genau deshalb wird der Zusammenhang oft zu spät erkannt.
🧮 Beispielrechnung: So schnell entsteht ein Überschuss
Ein Pferd mit 500 kg Körpergewicht benötigt etwa 53 MJ Energie pro Tag. Bei leichter Arbeit liegt der Bedarf ungefähr bei 63 MJ pro Tag.
Jetzt nehmen wir eine typische Fütterung:
- 🌾 10 kg Heu
- 🌾 0,5 kg Hafer pro Tag
- 🍬 50 g Leckerlis täglich
- 🥕 2 Karotten am Tag
- 🍌 1 Banane pro Woche
- 🥣 Mash zweimal pro Woche
🔍 Die tatsächliche Energieaufnahme
Allein das Heu liefert bereits etwa:
👉 80 MJ Energie pro Tag
Damit ist der Bedarf eigentlich schon gedeckt.
Jetzt kommen die zusätzlichen Energielieferanten dazu:
- Hafer
(0,5 kg): ca. 6 MJ - Leckerlis, Karotten, Banane: ca. 1,5 bis 2 MJ
- Mash umgerechnet: ca. 1,4 MJ
👉 Gesamt: etwa 89 MJ pro Tag
⚖️ Das Ergebnis
- Erhaltungsbedarf: 53 MJ
- Leichte Arbeit: 63 MJ
- Aufnahme: ca. 89 MJ
Im Vergleich zum Erhaltungsbedarf liegt das Pferd bei etwa:
👉 +36 MJ pro Tag
Im Vergleich zu leichter Arbeit liegt es immer noch bei:
👉 +26 MJ pro Tag
Das bedeutet:
👉 Selbst bei einem regelmäßig bewegten Freizeitpferd entsteht hier ein deutlicher Energieüberschuss.
📦 Infobox: Und beim 600-kg-Pferd?
Ein Pferd mit 600 kg Körpergewicht hat einen Erhaltungsbedarf von etwa 61 MJ pro Tag. Bei leichter Arbeit liegt der Bedarf ungefähr bei 73 MJ pro Tag.
Mit derselben Fütterung wie oben ergibt sich weiterhin eine tägliche Energieaufnahme von rund:
👉 88,7 bis 89,2 MJ pro Tag
Ergebnis beim 600-kg-Pferd:
- Überschuss gegenüber Erhaltungsbedarf: ca. +28 MJ pro Tag
- Überschuss gegenüber leichter Arbeit: ca. +16 MJ pro Tag
Das zeigt sehr klar:
Die gleiche Fütterung kann bei einem 600-kg-Pferd etwas weniger dramatisch wirken als bei einem 500-kg-Pferd, aber sie liegt immer noch über dem tatsächlichen Bedarf.
🫁 Warum das für atemwegskranke Pferde besonders relevant ist
Gerade bei atemwegskranken Pferden wird Überversorgung oft unterschätzt.
👉 Denn hier kommt ein zusätzlicher Faktor dazu:
Das Körpergewicht beeinflusst direkt die Atmung.
🔬 Mechanischer Zusammenhang
Mehr Körpermasse bedeutet:
- mehr Druck auf den Brustraum
- weniger Bewegungsfreiheit für das Zwerchfell
- höhere Atemarbeit bei jeder Bewegung
👉 Das Pferd muss also mehr leisten, um überhaupt Luft zu bekommen.
⚠️ Stoffwechsel trifft Atmung
Gleichzeitig wirkt sich ein gestörter Stoffwechsel auch auf die Atemwege aus:
- entzündliche Prozesse im Körper können verstärkt werden
- die Belastbarkeit sinkt
- Regeneration wird erschwert
🧠 Was das in der Praxis bedeutet
Ein überversorgtes Pferd mit Atemwegsproblemen:
- kommt schneller außer Atem
- zeigt früher Symptome
- reagiert empfindlicher auf Belastung, Staub oder Wetterwechsel
👉 Und genau deshalb reicht es nicht, nur an Symptomen zu arbeiten.
🔄 Der entscheidende Zusammenhang
Du kannst inhalieren, Medikamente einsetzen oder trainieren:
👉 Wenn die Energiezufuhr dauerhaft zu hoch ist, arbeitest du gegen das System.
👉 Und genau hier beginnt echte Verbesserung:
nicht bei der Maßnahme, sondern bei der Ursache
⚠️ Auch kleine Dinge zählen
Selbst Mineralfutter kann Energie liefern, je nach Zusammensetzung.
- 🧂 Melasse oder Trägerstoffe bringen kleine Mengen mit.
Für sich genommen irrelevant.
👉 In der Summe nicht mehr.
🧠 Woran du erkennst, dass es dein Pferd betrifft
- Rippen sind schwerer zu fühlen
- Hals wird fester oder dicker
- Schulter wirkt „gefüllter“
- Bauchlinie verändert sich
- das Pferd wirkt „gut im Futter“, aber nicht mehr athletisch
👉 Das passiert nicht über Nacht. 👉 Sondern schleichend.
🔚 Fazit: Das eigentliche Problem liegt im System
Die meisten Pferde werden nicht falsch gefüttert.
👉 Sondern zu gut gemeint.
Nicht eine Entscheidung ist das Problem.
👉 Sondern das Zusammenspiel vieler Entscheidungen.
🔥 Klarer Abschlussgedanke
Dein Pferd scheitert nicht an einer falschen Entscheidung.
👉 Sondern an vielen richtigen, die zusammen nicht mehr zusammenpassen.
Über Hella Karl
Expertin für Pferdegesundheit mit langjähriger Erfahrung in der Betreuung von Pferden mit Atemwegsproblemen. Teilt ihr Wissen, um Pferdebesitzern zu helfen, ihre Tiere optimal zu versorgen.
