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Heu & Heulage Analyse richtig lesen: Die wichtigsten Werte – und was sie wirklich bedeuten

HKHella Karl
7 Min. Lesezeit

Eine Raufutteranalyse ist kein Zahlenfriedhof, wenn du die Reihenfolge kennst: erst Trockenmasse, dann Kohlenhydrate, Protein und Faserwerte – bei Heulage zuerst die Gärqualität. Dieser Leitfaden erklärt die wichtigsten Kennzahlen und ihre Bedeutung für Atemwege und Stoffwechsel.

🌾 Heu- & Heulage-Analyse verständlich

Eine Raufutteranalyse wirkt auf den ersten Blick wie ein Zahlenfriedhof: TS, Rohprotein, WSC, ESC, NDF, pH, Milchsäure … Dabei steckt dahinter eine ganz praktische Frage:

Passt dieses Raufutter zu deinem Pferd – und passt es zu deinem Management (Atemwege, Stoffwechsel, Training)?

Wichtig vorweg: Eine Analyse ist kein Qualitätsurteil, sondern ein Messprotokoll. Entscheidend ist, in welcher Reihenfolge du die Werte liest – und welche davon zu deiner Fragestellung gehören.

1) Erst klären: Heu oder Heulage – und was ist dein Ziel? 🎯

Bevor du Zahlen bewertest, reichen drei Einordnungen:

  • Heu = trocken konserviert (Wasser raus)
  • Heulage = feuchter konserviert (durch Gärung stabilisiert)
  • Ziel: Geht es bei deinem Pferd primär um A) Atemwege (Staub/Allergene), B) Stoffwechsel (Übergewicht/EMS/PPID/Rehe-Risiko), C) Versorgung/Training (Muskeln, Leistung, Senioren)?

Diese Einordnung entscheidet, welche Werte Pflicht sind — und welche nur dann wichtig werden, wenn du gezielt „rationsrechnest“.

2) TS (Trockenmasse): Die Basis, ohne die du alles falsch vergleichst 📌

TS / TM (Trockenmasse) sagt: Wie viel Substanz steckt im Futter – und wie viel Wasser? Das ist deine Rechenbasis, weil viele Laborwerte auf Trockenmasse angegeben werden, du aber „wie gefüttert“ dosierst.

Mini-Logik (leicht, aber entscheidend)

Wenn ein Wert auf TS-Basis angegeben ist, gilt:

Wert „wie gefüttert“ ≈ Wert (TS-Basis) × TS-Anteil

Beispiel: WSC 10 % (TS-Basis), TS 85 % → ca. 8,5 % WSC „wie gefüttert“

✅ Merksatz: TS zuerst – dann Kohlenhydrate, Protein und Mineralien.

3) Die Kernwerte, die eine Heuanalyse wirklich „lesbar“ machen ✅

Viele springen direkt zu „Zucker“. Verständlich – aber fachlich oft zu kurz. Für Heu machen diese Blöcke die Analyse belastbar:

3.1 Rohprotein (XP / CP) – und wann pcvXP plötzlich wichtiger ist 🧬

Rohprotein zeigt, wie viel Protein insgesamt enthalten ist. Das reicht für eine grobe Einordnung.

Präzäkal verdauliches Protein (je nach Labor z. B. pcvXP / dvRP) wird dann relevant, wenn es nicht nur um „ausreichend Eiweiß“, sondern um verwertbares Protein für Muskeln/Leistung geht. Denn: Protein ist nur dann wirklich „nutzbar“, wenn es im Dünndarm aufgenommen werden kann.

Das lohnt sich besonders bei:

  • Jungpferden, Aufbau, Training/Muskelaufbau
  • Senioren mit Muskelverlust
  • sportlich geführten Pferden
  • sehr spät geschnittenem, „strohigem“ Heu (viel Faserbindung)

➡️ Für reine Atemwegsfragen ist das meistens nicht der erste Hebel – aber sobald Kondition/Muskulatur Thema ist, wird es wichtig.

3.2 Faserwerte: NDF & ADF (oft der unterschätzte Schlüssel) 🌿

NDF sagt vereinfacht: Wie „füllend“ ist das Heu? (Aufnahme/Strukturanteil) ADF hängt stärker mit Verdaulichkeit/Energieverfügbarkeit zusammen.

Diese Werte helfen dir, Heu nicht nur nach „Zucker“ zu beurteilen, sondern nach Futtercharakter:

  • sehr faserreich = oft weniger Energie, aber nicht automatisch „besser“
  • sehr verdaulich = oft energiereicher, kann bei Übergewicht relevant sein

3.3 Kohlenhydrate: WSC, ESC – warum zwei Werte sinnvoll sind 🍬

WSC (wasserlösliche Kohlenhydrate) ist ein breiter Sammelwert (je nach Methodik inkl. Fruktananteilen). ESC (ethanollösliche Kohlenhydrate) bildet stärker die einfachen Zucker ab (das, was viele als „Zucker“ meinen).

Praktisch heißt das:

  • WSC gibt dir den Rahmen („wie viel lösliche KH insgesamt“)
  • ESC ist der präzisere Wert, wenn du wirklich „Zucker“ einschätzen willst

3.4 Stärke (wenn Stoffwechsel ein Thema ist) ⚖️

Bei Stoffwechselthemen reicht Zucker allein nicht. Stärke ist der zweite große Anteil der „schnellen“ Kohlenhydrate.

Wenn ein Labor Stärke nicht misst, kann deine Kohlenhydratbewertung unvollständig sein – besonders bei Pferden mit Insulindysregulation/PPID oder Rehe-Risiko.

3.5 Mineralien (wenn du wirklich gezielt steuerst) 🧂

Für viele Alltagsrationen reicht ein grober Blick. Wenn du aber gezielt mineralisieren willst (oder Themen wie Muskelfunktion, Schwitzen, Leistung, Wachstum, Senior), wird ein Mineralprofil (mind. Ca/P/Mg/K/Na) deutlich relevanter.

4) Zucker & Entzündung bei Atemwegsproblemen: fachlich sauber eingeordnet 🫁

Zuckerarm füttern kann sinnvoll sein – aber die Begründung muss stimmen, sonst wird es schnell ein Mythos.

Was bei Equinem Asthma in der Praxis fast immer die Hauptrolle spielt: eingeatmete Partikel/Allergene (Staub, Schimmelsporen, Reizstoffe). Das heißt: Beim Atemwegspferd entscheidet Raufutter nicht nur über Nährstoffe, sondern über Exposition.

Wo Zucker/Stärke trotzdem ein sinnvoller Baustein wird: Wenn ein Atemwegspferd zusätzlich übergewichtig ist oder Richtung EMS/PPID geht, hilft zucker- und stärkearmes Füttern oft deutlich – nicht als „Allein-Lungenhebel“, sondern als Stoffwechsel-Entlastung (und damit häufig als Entlastung des Gesamtsystems).

✅ Merksatz, der sauber bleibt: Zucker- und stärkearm füttern ist besonders dann ein Vorteil, wenn Stoffwechsel und Körperfett mit im Spiel sind. Für die Lunge selbst bleibt staubarmes, hygienisches Raufutter die wichtigste Stellschraube.

5) Heulage richtig lesen: Erst Gärqualität, dann Nährstoffe 🧪🥬

Bei Heulage ist die Reihenfolge anders. Denn: Heulage ist nicht „ein bisschen feuchtes Heu“, sondern ein konserviertes Produkt, das nur dann sinnvoll ist, wenn die Gärung sauber lief.

5.1 Pflichtblock: Gärwerte

Diese Werte sind der Kern:

  • TS (ohne TS ist pH kaum sinnvoll interpretierbar)
  • pH
  • Milchsäure
  • Essigsäure
  • Buttersäure
  • optional Ammoniak-N (NH₃-N) als Zusatzhinweis

Grundprinzip

  • Milchsäure ✅: grundsätzlich erwünscht (klassische Milchsäuregärung)
  • Buttersäure 🚫: Warnsignal (Fehlgärung)
  • pH: nur im TS-Kontext interpretieren
  • Essigsäure: in Maßen normal; deutlich erhöht kann auf ungünstigere Verläufe/Verluste hindeuten

Heulage-Check: 5 Zahlen, 3 Ampelfarben (Orientierung nach DLG) 🚦

Wichtig: Das sind Orientierungswerte aus der Silage-/Heulage-Analytik (DLG-Schlüssel). Entscheidend bleiben zusätzlich Sensorik (Geruch, Schimmel, Erwärmung) und Stabilität nach dem Öffnen. Und: Werte immer auf % der Trockenmasse (TM) beziehen, wenn das Labor so angibt.

🟢 Grün: unauffällig / gute Gärqualität

  • Buttersäure: 0–0,3 % TM (≈ 0–3 g/kg TM)
  • Essigsäure: 0–3,0 % TM
  • pH (TS-abhängig): TS < 30 %: pH ≤ 4,0; TS 30–45 %: pH ≤ 4,5; TS > 45 %: pH ≤ 5,0

🟡 Gelb: auffällig / genau hinschauen

  • Buttersäure: >0,3–0,7 % TM (≈ 3–7 g/kg TM)
  • Essigsäure: >3,0–4,5 % TM
  • pH (TS-abhängig): spürbar über den Grün-Bereichen (z. B. >4,3–4,6 bei sehr feuchter Heulage; >4,8 bei 30–45 % TS)

➡️ Praktisch: Sensorik und Stabilität prüfen, Ballenmanagement kritisch betrachten, bei sensiblen Pferden eher konservativ entscheiden.

🔴 Rot: klar problematisch / hohes Fehlgärungsrisiko

  • Buttersäure: >0,7 % TM (≈ >7 g/kg TM), spätestens >1,0 % TM eindeutig schlecht
  • Essigsäure: >4,5 % TM
  • pH (TS-abhängig): deutlich über dem erwartbaren Bereich

➡️ Bei Rot ist „wird schon gehen“ selten eine gute Idee – besonders nicht bei empfindlichen Pferden.

5.2 Danach erst: Nährstoffe wie beim Heu lesen

Wenn die Gärqualität passt, liest du Heulage wie Heu – mit einem Unterschied:

Vergleiche niemals nur Prozentwerte, ohne die TS-Basis mitzudenken. Sonst wirkt Heulage schnell „anders“, obwohl du nur die Basis verwechselt hast.

6) Heu vs. Heulage: Was ändert sich wirklich – und was ist ein Trugschluss? 🌾↔️🥬

Was sich oft wirklich verbessert:

  • Staub-/Partikelbelastung (häufig deutlich geringer als bei trockenem, staubigem Heu)

Was ein Trugschluss ist:

  • „Heulage ist automatisch zuckerarm.“ Das kann so sein – muss aber nicht. Schnittzeitpunkt, Bestand, Wetter und Gärverlauf können Zuckerwerte stark beeinflussen.

✅ Merksatz: Die Analyse entscheidet – nicht das Etikett „Heu“ oder „Heulage“.

7) Der 60-Sekunden-Check: So liest du jeden Bericht in der richtigen Reihenfolge ✅

  • TS prüfen (Rechenbasis + Vergleichbarkeit)
  • Basis klären: Werte auf TS-Basis oder „wie gefüttert“? (Legende!)
  • Heulage? → zuerst pH + Säuren (+ optional NH₃-N) (Gärqualität)
  • Nährstoffe: Protein (ggf. präzäkal verdaulich), NDF/ADF, WSC/ESC, Stärke
  • Für Atemwege immer mitdenken: Staub-/Hygienerisiko ist meist entscheidender als eine einzelne Zuckerzahl

Kurzfazit 🧠

  • TS ist die Basis, sonst liest du alles schief.
  • WSC & ESC helfen, Kohlenhydrate sauber einzuordnen (v. a. bei Stoffwechsel).
  • NDF/ADF sagen dir, wie „futtertypisch“ und wie verdaulich das Raufutter ist.
  • Präzäkal verdauliches Protein wird wichtig, sobald Muskeln/Leistung/Senioren ein Thema sind.
  • Bei Heulage ist die Gärqualität Pflicht – erst danach lohnt Nährstoffdiskussion.
HK

Über Hella Karl

Expertin für Pferdegesundheit mit langjähriger Erfahrung in der Betreuung von Pferden mit Atemwegsproblemen. Teilt ihr Wissen, um Pferdebesitzern zu helfen, ihre Tiere optimal zu versorgen.

Atemwegs-Spezialistin15+ Jahre Erfahrung150+ behandelte Pferde